Samstag, 15. November 2025

Rezension zu "Happy End" von Sarah Bestgen

Erschienen bei: Lübbe
ISBN: 978-3-7577-0071-3
Erschienen am: 25.10.2024
Seiten: 512


Einzelband





Klappentext:

Gerade noch lag der kleine Ben fröhlich brabbelnd auf seiner Krabbeldecke, kurz darauf ist er nicht mehr da. Isa erlebt ihren dunkelsten Albtraum, als ihr vier Monate alter Sohn spurlos verschwindet. Nach mehr als einem halben Jahr taucht Ben plötzlich wieder auf, doch seine Rückkehr bleibt so rätselhaft wie sein Verschwinden. Während die Polizei nach Antworten sucht, setzt Isa alles daran, die verlorene Zeit mit ihrem Sohn nachzuholen. Dabei werden tief in ihr die Zweifel immer lauter. Hatte Ben schon immer diese klaren blauen Augen? Aufmerksam betrachtet Isa jede Abweichung - und stellt sich weitere Fragen. Fragen, die schon bald vermuten lassen, dass hinter der Fassade einer scheinbar heilen Welt dunkle Abgründe lauern ...


Meine Meinung:

Sarah Bestgens Debüt Happy End nimmt einen mit auf eine ebenso verstörende wie fesselnde Reise in die Tiefen der menschlichen Wahrnehmung. Ausgangspunkt ist ein Szenario, das jedem Elternteil den Boden unter den Füßen wegziehen würde: Isa lässt ihren vier Monate alten Sohn Ben für einen kurzen Moment aus den Augen – und als sie zurückkehrt, ist er spurlos verschwunden. Acht Monate lang bleibt jede Suche erfolglos, bis Ben plötzlich wiederauftauchen soll. Ein Wunder? Oder der Beginn eines noch größeren Albtraums?

Was zunächst wie ein klassischer Entführungsthriller wirkt, entfaltet sich zu einem klug konstruierten Psychodrama, das weniger auf laute Effekte als auf unterschwellige Spannung setzt. Bestgen dosiert das Unbehagen meisterhaft: Während Isa versucht, in den Alltag mit dem zurückgekehrten Kind hineinzufinden, nagen winzige Irritationen an ihr – und bald auch an der Leserschaft. Ist dieses Baby wirklich ihr Ben? Oder trügt sie ihre Wahrnehmung?

Besonders beeindruckend ist die psychologische Präzision, mit der Bestgen ihre Figuren zeichnet. Isa wirkt zunächst wie eine kontrollierte, fürsorgliche Mutter, doch je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher treten Risse, Zweifel und innere Konflikte zutage. Der Roman spielt geschickt mit der Frage, ob Isa eine verlässliche Erzählerin ist – und zwingt Leser:innen, ihre eigenen Einschätzungen ständig zu hinterfragen. Diese Ambivalenz sorgt dafür, dass man Isa mal zutiefst mitfühlend begleitet, mal verunsichert beobachtet.

Auch die Nebenfiguren – Isas Ehemann, die behandelnde Psychiaterin, die Polizisten, neue Bekanntschaften – tragen mit ihren kaum einschätzbaren Rollen zum schleichenden Misstrauen bei. Jeder könnte Teil der Wahrheit sein. Oder ein weiterer Irrweg.

Der Stil wirkt anfangs etwas nüchtern, fast distanziert, doch gerade dieser zurückhaltende Ton verstärkt das Gefühl, einem realistischen Kriminalfall beizuwohnen. Mit jedem Kapitel nimmt die Intensität zu; die oft kurzen Abschnitte laden dazu ein, „nur noch eines“ zu lesen – bis man das Buch schließlich kaum noch aus der Hand legen kann.

Zwar gibt es im Rückblick einzelne Momente, die etwas konstruiert erscheinen, doch während der Lektüre fällt das kaum ins Gewicht. Die stetig wachsende Spannung, die dichte Atmosphäre und die psychologische Tiefe tragen mühelos über kleinere Unstimmigkeiten hinweg. Das leicht melancholische Abschlusskapitel rundet die Geschichte stimmig ab und lässt sie noch nachhallen.

Fazit:
Happy End ist ein bemerkenswertes Psychothriller-Debüt, das vor allem durch seine atmosphärische Dichte, die nuancierten Figuren und das Spiel mit Wahrnehmung punktet. Ein echter Pageturner für alle, die psychologischen Nervenkitzel bevorzugen – und eine Autorin, die man unbedingt im Blick behalten sollte.




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